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Oidipus in Kolonos (Ödipus auf Kolonos)


Sophokles

Aus dem Alt-Griechischen von Dietrich Ebener

Übersetzung durch Dietrich Ebener

Schauspiel


2 D | 6 H
Chor, Gefolge

"In dem letzten der erhaltenen Stücke bringt der neunzigjährige Dichter noch einmal die Gestalt des Labdakos-Enkels auf die Bühne. Im „Oidipus in Kolonos“ erreicht der blinde Greis nach langen Jahren entbehrungsreichen unsteten Bettlerdaseins, geleitet von seiner treu zu ihm haltenden Tochter Antigone, den Gau Kolonos bei Athen; dort wird er nach göttlichem Willen die letzte Ruhestätte finden. Der attische König Theseus gewährt ihm Asyl. Doch zweimal noch drohen die Wogen des politischen Geschehens zu Theben den Greis in ihren Strudel reißen. Kreon als Parteigänger des Eteokles, dann Polyneikes als Emigrant wollen den Vater jeweils zu ihrem Nutzen für eine Rückkehr nach Theben gewinnen. Der gewaltsame Versuch Kreons scheitert am Eingreifen des Theseus; die Bitte des Polyneikes schlägt Oidipus unter Verfluchung beider Söhne ab. Dann wird der Blinde im Hain der Eumeniden dem irdischen Leben auf geheimnisvolle Weise entrückt, um künftig als Heros des Gaus Kolonos das Land Attika und seine Hauptstadt vor Feinden zu schützen.

Das Alterswerk des Dichters bietet nicht, wie die übrigen erhaltenen Stücke, ein straff gestaltetes Geschehen, dessen dramatische Wucht aus einem Konflikt und dessen wie immer gearteter Lösung erwächst. Geboten wird vielmehr eine Reihe von Szenen und sie beherrschender Faktoren, die, teils hemmend, teils förderlich, das Heranreifen des schwachen blinden Greises zum segensspendenden göttlichen Beschützer Attikas vor Augen führen.

Sophokles beschwört in einer Zeit, da der militärische Zusammenbruch des durch Parteienzwist und übertriebene Machtansprüche ruinierten Staates bevorsteht, die großartige Vision einer attischen Bürgerschaft und eines attischen Königs, deren politisches Bekenntnis sich auf Gerechtigkeit, selbstloses Eintreten für Verfolgte und Bedrängte, schließlich Bewahrung des Friedens gründet; im tiefsten Elend erhält sich Oidipus das stolze Bewusstsein, letztendlich unschuldig an den von ihm begangenen Verbrechen zu sein, vielmehr durch die über Menschenmaß hinausgehende Schwere seines Leides von den Göttern ausgezeichnet und zum Schutze der Friedfertigen vor den Friedensbrechern berufen zu werden; zudem wirkt tröstend und versöhnend die opferbereite Treue der Töchter, die unter Verzicht auf jegliche ihrem Alter gemäße Freude des Lebens dem Vater in seiner Not helfend zur Seite stehen.

Das Zusammenwirken der genannten Faktoren verleiht der Szenenfolge eine atemberaubende Spannung, eine bei allen Unterschieden zum dramaturgischen Aufbau der früheren Stücke von der ersten Szene an lebendige und zielstrebige Bewegung, die in einen von allen Dissonanzen befreiten, erlösenden Schlussakkord ausklingt. Die im besten Sinne weihevolle sprachliche Gestaltung des letzten Botenberichtes, der die Entrückung des Dulders darstellt, gewinnt ihr Pathos gerade aus äußerster Schlichtheit in Wortwahl und Satzbau.

Diese Faktoren beweisen aber auch, wie ernsthaft der Dichter sich in diesem Alterswerk, kaum weniger stark als im „Philoktetes“, mit den gesellschaftlichen Problemen, die seine letzten Lebensjahre überschatten, auseinandersetzt. Dass dabei Persönliches ebenfalls eine große Rolle spielt, hat man schon in der Antike erkannt. Insbesondere hat man in dem Fluch, den Oidipus gegen seine Söhne ausspricht, einen Widerhall familiären Zwistes sehen wollen, der dem greisen Dichter nicht erspart geblieben sei; dem Chorlied 668-719 räumte man einen Platz bei der Beilegung des Zwistes ein. Dergleichen ist nicht ausgeschlossen, sollte aber angesichts der Unsicherheit der Quellen nicht über Gebühr betont werden. Was bleibt, sind unverkennbare persönliche Bekenntnisse.

Die Gestaltung des Stückes als eines Ganzen allein beweist die ungebrochene Schaffenskraft des Tragikers, bei dessen Tätigkeit Entsagung und Verzicht anklingen, indes nicht das letzte Wort bilden. Dank der Fähigkeit des Dichters zur Gestaltung solch ungeschminkter Härte, die gleichwohl nicht in Resignation oder Verzweiflung mündet, schließt sich, trotz des anders gearteten dramaturgischen Aufbaus, das letzte der erhaltenen Stücke mit seiner Aussage dem Gesamtwerk krönend an."

(Dietrich Ebener)

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Relation zum Titel Oidipus in Kolonos (Ödipus auf Kolonos)
URL part oidipus-in-kolonos-oedipus-auf-kolonos
Subtitel
Originaltitel
Coautoren
Uebersetzung Aus dem Alt-Griechischen von Dietrich Ebener
Bearbeiter
Komponist
Genre Schauspiel
Subverlaginfo
Damen 2
Herren 6
Ergaenzung Chor, Gefolge
Anmerkungen
Einleitung "In dem letzten der erhaltenen Stücke bringt der neunzigjährige Dichter noch einmal die Gestalt des Labdakos-Enkels auf die Bühne. Im „Oidipus in Kolonos“ erreicht der blinde Greis nach langen Jahren entbehrungsreichen unsteten Bettlerdaseins, geleitet von seiner treu zu ihm haltenden Tochter Antigone, den Gau Kolonos bei Athen; dort wird er nach göttlichem Willen die letzte Ruhestätte finden. Der attische König Theseus gewährt ihm Asyl. Doch zweimal noch drohen die Wogen des politischen Geschehens zu Theben den Greis in ihren Strudel reißen. Kreon als Parteigänger des Eteokles, dann Polyneikes als Emigrant wollen den Vater jeweils zu ihrem Nutzen für eine Rückkehr nach Theben gewinnen. Der gewaltsame Versuch Kreons scheitert am Eingreifen des Theseus; die Bitte des Polyneikes schlägt Oidipus unter Verfluchung beider Söhne ab. Dann wird der Blinde im Hain der Eumeniden dem irdischen Leben auf geheimnisvolle Weise entrückt, um künftig als Heros des Gaus Kolonos das Land Attika und seine Hauptstadt vor Feinden zu schützen.
Haupttext <p>Das Alterswerk des Dichters bietet nicht, wie die übrigen erhaltenen Stücke, ein straff gestaltetes Geschehen, dessen dramatische Wucht aus einem Konflikt und dessen wie immer gearteter Lösung erwächst. Geboten wird vielmehr eine Reihe von Szenen und sie beherrschender Faktoren, die, teils hemmend, teils förderlich, das Heranreifen des schwachen blinden Greises zum segensspendenden göttlichen Beschützer Attikas vor Augen führen.</p><p>Sophokles beschwört in einer Zeit, da der militärische Zusammenbruch des durch Parteienzwist und übertriebene Machtansprüche ruinierten Staates bevorsteht, die großartige Vision einer attischen Bürgerschaft und eines attischen Königs, deren politisches Bekenntnis sich auf Gerechtigkeit, selbstloses Eintreten für Verfolgte und Bedrängte, schließlich Bewahrung des Friedens gründet; im tiefsten Elend erhält sich Oidipus das stolze Bewusstsein, letztendlich unschuldig an den von ihm begangenen Verbrechen zu sein, vielmehr durch die über Menschenmaß hinausgehende Schwere seines Leides von den Göttern ausgezeichnet und zum Schutze der Friedfertigen vor den Friedensbrechern berufen zu werden; zudem wirkt tröstend und versöhnend die opferbereite Treue der Töchter, die unter Verzicht auf jegliche ihrem Alter gemäße Freude des Lebens dem Vater in seiner Not helfend zur Seite stehen.</p><p>Das Zusammenwirken der genannten Faktoren verleiht der Szenenfolge eine atemberaubende Spannung, eine bei allen Unterschieden zum dramaturgischen Aufbau der früheren Stücke von der ersten Szene an lebendige und zielstrebige Bewegung, die in einen von allen Dissonanzen befreiten, erlösenden Schlussakkord ausklingt. Die im besten Sinne weihevolle sprachliche Gestaltung des letzten Botenberichtes, der die Entrückung des Dulders darstellt, gewinnt ihr Pathos gerade aus äußerster Schlichtheit in Wortwahl und Satzbau.</p><p>Diese Faktoren beweisen aber auch, wie ernsthaft der Dichter sich in diesem Alterswerk, kaum weniger stark als im „Philoktetes“, mit den gesellschaftlichen Problemen, die seine letzten Lebensjahre überschatten, auseinandersetzt. Dass dabei Persönliches ebenfalls eine große Rolle spielt, hat man schon in der Antike erkannt. Insbesondere hat man in dem Fluch, den Oidipus gegen seine Söhne ausspricht, einen Widerhall familiären Zwistes sehen wollen, der dem greisen Dichter nicht erspart geblieben sei; dem Chorlied 668-719 räumte man einen Platz bei der Beilegung des Zwistes ein. Dergleichen ist nicht ausgeschlossen, sollte aber angesichts der Unsicherheit der Quellen nicht über Gebühr betont werden. Was bleibt, sind unverkennbare persönliche Bekenntnisse.</p><p>Die Gestaltung des Stückes als eines Ganzen allein beweist die ungebrochene Schaffenskraft des Tragikers, bei dessen Tätigkeit Entsagung und Verzicht anklingen, indes nicht das letzte Wort bilden. Dank der Fähigkeit des Dichters zur Gestaltung solch ungeschminkter Härte, die gleichwohl nicht in Resignation oder Verzweiflung mündet, schließt sich, trotz des anders gearteten dramaturgischen Aufbaus, das letzte der erhaltenen Stücke mit seiner Aussage dem Gesamtwerk krönend an.&quot;</p><p>(Dietrich Ebener)</p>
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