„Ich habe beschlossen, von ihm zu erzählen.“ So beginnt das Theaterstück VERBRECHER UND STRAFE der aus Norwegen stammenden Autorin Kathrine Nedrejord. Was folgt, ist die emotionale und dennoch hoch reflektierte Schilderung einer Frau, die nach einer Vergewaltigung mit dieser traumatischen Erfahrung, aber auch der gesellschaftlichen Stigmatisierung ringen muss. Sie stellt sich Fragen nach der eignen Identität, unterscheidet zwischen einem SIE vor der Vergewaltigung und einem ICH danach; sie fragt nach der Zuverlässigkeit der eigenen Wahrnehmung und sucht nach Möglichkeiten zur Verarbeitung des Traumas. Kann man nach einer solchen Gewalterfahrung noch der gleiche Mensch sein wie davor? Wie lässt sich die Macht über das eigene Selbst, das so tief verwundet wurde, wieder zurückgewinnen? Die Frau schildert die Angst, die sie seit jener Nacht nicht loslässt, und das Gefühl der Unfreiheit, das sie seither in sich trägt. Wie kann man wieder im Leben Fuß fassen, wenn die Umwelt es einem so schwer macht? Sie berichtet aber auch von dem Versuch eine neues Leben mit ihrem Partner aufzubauen. Die Autorin erzählt von negativen Erfahrungen, die diese junge Frau mit den ermittelnden Polizeibeamten macht, von demütigenden medizinischen Untersuchungen, der Faszination der Gesellschaft, der Kunst an sexualisierter Gewalt gegen Frauen und von der Auseinandersetzung mit dem Täter, dem Verbrecher, dem sie sich ein zweites Mal stellen muss, als es zum Prozess kommt. Was klingt wie das Drehbuch zu einem Krimi, ist bei Kathrine Nedrejord eine vielschichtige und sehr poetische Analyse von Tat, Opfer und Täter. Schonungslos, bewegend, aufrüttelnd! „Die Erinnerung rührt sich nicht vom Fleck. Sie hat ihren festen Platz.“
Zwei sámische Familien, die als Mitglieder eines der wenigen indigenen Völker Europas um ihre Rechte und das Überleben ihrer Traditionen kämpfen. Eine junge Frau hat von ihrem Großvater zwar den Joik gelernt, den traditionellen Gesang der Sámi, aber keine Rentierherde geerbt. So gilt sie von Kindesbeinen an mehr als Norwegerin denn als Sámin. Nach ihrem Schulabschluss zieht sie in den Süden, um Geschichte zu studieren. Dort lernt sie mehr über die strukturelle Diskriminierung der Sámi, und ist – wie auch in ihrer Heimat – eine Außenstehende. Enttäuscht kehrt sie zurück in den Norden, um als Lehrerin zu arbeiten. Ein junger Mann muss die Rentierherde seiner Familie übernehmen, sein Bruder will die Verantwortung nicht mehr tragen. Der junge Mann, der eigentlich nie viel mit den Tieren zu tun hatte, hängt sich plötzlich ins Zeug. Doch als ein Dekret von ihnen verlangt, den Großteil ihrer Herde zu schlachten, wird er lethargisch. Stattdessen bereitet sein Bruder mit einem Anwalt eine Klage vor. Schließlich erkennen sie, dass sie die Arbeit und Verantwortung gemeinsam schultern sollten. Erzählt wird diese Geschichte durch das ungeborene Kind dieser zwei Hauptfiguren. Während die Mutter mit ihrem Leben als Außenseiterin hadert, und während das Sorgen um die Rentiere den Vater erdrückt, wünscht sich das Kind nur eines: geboren werden. Kann es eine Zukunft haben, in einer Gesellschaft, die immer mehr zu zerfallen scheint?
Eine dystopische Welt in der Zukunft: Ein geschundener Hund begegnet seinem „Retter“: Nicht uneigennützig lockt ein Wissenschaftler das Tier in seine Praxis. Verjüngung und Optimierung von Menschenkörpern sind dort das Programm. Er pflanzt dem Hund die Hirnanhangdrüse und die Hoden eines kleinkriminellen Kneipen-Musikanten ein – was ihn „menschlich“ werden lässt. Das neue Wesen aber zeigt sich höchst anfällig für Manipulation, saugt Propaganda und Parolen gierig auf. Gewalt gegen Andere, besonders „Katzenartige“, scheint ein unausrottbarer Drang. Der Assistent Dr. Blumenthal und die etwas verlorene Harriet kämpfen dagegen mit ihren sehr menschlichen Nöten. Und von draußen tönt lautstark der „Chor der solidarischen rebellierenden Unberechtigten“. In hybriden Wesen und Mutanten hat die soziale Hackordnung ihre neuen Underdogs. Und nicht nur der Androidin Sina wird klar: nicht Solidarität, sondern allein Ego-Mania herrscht da im neuen Menschen.Armin Petras hat Bulgakows bissigen Klassiker in die Post-Apokalypse versetzt und für das Heute aufgefrischt.
Ein Stück über eine Gesellschaft, in der Abtreibung illegal ist, und die verschiedensten Perspektiven auf das Thema Schwangerschaftsabbruch. Ärztin Marie und Hebamme Sylvia betreiben eine illegale Abtreibungsklinik. Trotz zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen kommt es zum Schlimmsten: Die Abtreibungsgegnerin Vera entdeckt die Klinik und tötet dabei aus Versehen die hochschwangere Marie. Zunächst kämpft Vera mit Gewissensbissen, doch dann entschließt sie sich, mit ihrem Fall den Weg für eine Gesetzesänderung zu bereiten. Sie plädiert auf zweifachen statt einfachen Mord, um Personenstatus für Föten zu erwirken. In einem zweiten Erzählstrang wünscht sich die schwangere Louise eine Abtreibung. Der Erzeuger, Politiker und Abtreibungsgegner Simon, enttäuscht nicht nur Louise, sondern auch seine Anhängerin Maureen, denn er will von der Situation nichts wissen. Louise versucht vom zuständigen Komitee eine Abtreibungserlaubnis zu erwirken – vergebens. Nur eine illegale Abtreibung hält sie vom Suizid ab. Marie-Ève Milot und Marie-Claude St-Laurent zeichnen in ILLEGAL differenzierte Figuren, die alle versuchen, auf die Frage zu antworten: Wie viel ist welches Leben wert? Dabei gelingt es ihnen, die Schicksale in ihrer Tragik aufzufangen, aber auch immer wieder Humor einzustreuen.
Karim und sein bester Freund Mo wohnen in der Lerchenstraße nur ein paar Häuser voneinander entfernt. Direkt gegenüber -genauer DA DRÜBEN- steht seit nicht allzu langer Zeit ein großes Haus mit komischen Menschen, sie haben weiße, graue oder gar keine Haare mehr und tragen verräterische Knöpfe in den Ohren. Außerdem scheinen alle von einem Zeitlupeneffekt befallen. Das ist eben ein „Altersheim“, erklärt Schwester Yara ihnen. Mo und Karim sind sicher: Älter werden müssen sie um jeden Preis vermeiden! Am besten geht das, wenn sie einfach keine Geburtstage mehr feiern. Aber so ganz ohne ist auch langweilig. Also feiert Karim seinen Nicht-Geburtstag. Und genau dabei taucht Herr Lila von DA DRÜBEN auf und zeigt den beiden, dass auch im Alter nicht alles schlimm ist. Autorin Coco Plümer erkundet in EY, ALTER! spielerisch das Thema Zeit und eröffnet einen Dialog der Generationen, der die Schönheit des Verschiedenseins in den Mittelpunkt stellt. Das Stück ist im Rahmen von „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater" entstanden, einem Kooperationsprojekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und des Deutschen Literaturfonds e.V., und mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Ines ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Also solche weiß sie genau, wie man das Geld am besten zusammenhält. Und es gibt doch ein großartiges Steuersparmodell: Ehegattensplitting! Jugendfreund Moritz wäre dafür der geeignete Partner, denn der ist Archivar in einem Musikmagazin und verdient sehr wenig. Moritz stimmt zu und der Plan läuft wie geschmiert. Doch plötzlich zieht ausgerechnet der Finanzbeamte, der für das falsche Ehepaar zuständig ist, neben Moritz ein. Vor diesem Publikum muss das „glückliche Paar“ seine Komödie nun so überzeugend spielen, dass der neue Nachbar keinen Verdacht schöpft. Darüber gerät die Beziehung zwischen Ines und Moritz aus ihren geordneten Bahnen.Matthias Sachaus Roman wurde von Jens Urban in eine unterhaltsame Filmkomödie mit Diana Amft und Florian Lukas in den Hauptrollen verwandelt.Antoinette Petermann hat Jens Urbans Bühnenfassung ins Schweizerdeutsche übertragen.
Was würde Beamarchais‘ Figaro machen, wenn er in die kapitalistische Arbeitswelt hineingeworfen würde? Diesem Gedankenexperiment nähern sich Nicola Bremer und Gian Maria Cervo in feinster Workplace-Comedy-Manier. Figaro arbeitet mit Herrmann und Susanne in einer Kaffeefabrik, die jeden Tag einen neuen Kaffee auf den Markt wirft und für dessen Herstellung und Bewerbung die Angestellten selbst zuständig sind. Ihr Chef Jochen hält sich für einen großen Komiker, einen noch größeren Freund und den besten Chef der Welt. Auf die Zahlen schaut Frau Doktorin Unternehmensberaterin, die von allen nur die Unternehmensdiktatorin genannt wird. Das Hamsterrad dreht sich immer weiter, es bleibt nicht mal Zeit für einen Kaffee und Figaro kann dem Druck nur in seinen Träumen entfliehen. Mit viel Witz, Musik und einer guten Prise Kritik am Neoliberalismus schaffen die beiden Autoren einen unterhaltsamen Abend mit liebenswerten Figuren.
Richard hat geladen: seine Schwestern, seinen Neffen, dessen Freundin und einen engen Freund. Alle will er an diesem Abend überraschen. Er hat nämlich im Lotto gewonnen und will die stattliche Summe als vorzeitiges Erbe einer oder einem der Anwesenden vermachen. Voraussetzung dafür: die Erbin, der Erbe werden vom ganzen Saal gewählt und trauen sich zu, eine weitere Aufgabe für Richard zu erfüllen. Nach einer Vorstellungsrunde der Anwesenden entbrennt der Kampf ums Geld. Doch spielt Richard ehrlich? Und wer soll schließlich den Lottoschein erhalten? Ein Krimi-Dinner, das mit witzigen Wendungen überrascht und der Frage nachgeht, was man für das liebe Geld alles bereit zu tun wäre.
In Lauf an der Pegnitz quartiert sich für eine Nacht die junge Historikerin Ann-Kathrin in einer Gaststätte ein. Das Zimmer ist gemütlich, die Wirtin freundlich. Will es der Zufall, aber der Kirchenreformer Jan Hus verbrachte im selben Ort vor 600 Jahren auch eine gewisse Zeit, auf seinem Weg nach Konstanz zum Konzil. Ann-Kathrin hat sich auf das Leben und Wirken des Hus spezialisiert. Umso überraschter ist sie, als dieser plötzlich leibhaftig in ihrem Zimmer steht. Offenbar existiert eine Zeitanomalie, die die Begegnung der beiden möglich macht. Nach erster Verunsicherung entspinnt sich ein Gespräch über die Kirche, den Glauben, die Freiheit und den Gang der Dinge. An dessen Ende steht die Frage, ob Jan Hus nach Konstanz in seinen sicheren Tod auf dem Scheiterhaufen fahren, oder von der Reise absehen wird.
KRIEG UND FRIEDEN ist gleichermaßen Epochenchronik wie ein Panorama des russischen Lebens. Der Roman zeigt ganze Gesellschaft jener Zeit, von den höchsten Hof-, Adels- und Militärkreisen bis zu den leibeigenen Bauern und einfachen Soldaten. Von den Petersburger Salons bis in die russische Provinz. Gleichzeitig werden aber auch die Schlachten von Austerlitz und Borodino, der Brand von Moskau sowie der fluchtartige Rückzug der Franzosen thematisiert. In Tolstois monumentalem Werk spiegeln sich die großen philosophischen Fragen und historischen Ereignisse im Schicksal einzelner Menschen in Russland zur Mitte des 19. Jahrhunderts und so formuliert sich ein Weltbild, das Geschichte nicht nur als Kausalkette begreift, sondern auch ihren Einfluss auf das Leben jedes Einzelnen in den Vordergrund stellt.