Emily weint doch nie

Von Marisa Wendt

1 D
Ab 8 Jahren

Ich finde auch, dass mit Emily nichts verkehrt ist und vielleicht hast du Recht/ vielleicht ist sie klug/ und verträglich/ und sanft/ und witzig, aber/ das macht was mit einem Kind, Stefan,/ wenn es nirgendwo/ reinpasst.

So stellt es Emilys Oma im Gespräch mit Emilys Vater fest. In erster Linie macht Emilys Andersartigkeit aber etwas mit ihrem Umfeld: Ihre überforderte Mutter ist in einem buddhistischen Kloster in Thailand geblieben, eine Schuldirektorin vermutet häusliche Gewalt und eine Ärztin sucht eine Möglichkeit, Emily zu therapieren.
Dabei ist Emily eigentlich nicht krank, sondern sie hat einfach nur keine Gefühle – und damit hat sie selbst kein Problem, alle anderen aber schon. Und darüber kann Emily inzwischen einige Geschich-ten erzählen, von der Bärengeschichte über die Schulwechselgeschichte bis hin zur Medikamenten-geschichte, und die meisten enden mit Ärger und Umzug. Jetzt steht Emily wieder vor einer neuen Klasse, in einer neuen Schule, und diesmal möchte sie etwas versuchen, was sie vorher noch nicht versucht hat, ein Experiment: Sie möchte erklären, wie sie die Welt wahrnimmt. Dabei wirft sie ganz nebenbei die philosophische Frage auf, wie sich richtiges und falsches Handeln eigentlich jenseits von Gefühlen definieren – und ob Liebe wirklich nur ein weiteres Gefühl ist.

Es wird uns eine Vorstellung davon vermittelt, dass Menschen unterschiedliche Realitäten leben, und es stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um, wenn sich unsere Lebenswirklichkeiten und Wahrnehmungen nicht überschneiden, wenn wir nicht von uns auf den/die andere:n schließen können und annehmen müssen, dass wir nicht verstehen und keine Antwort erhalten? […] Die Autorin kombiniert eine manchmal stachelige Wortkunst mit einem verdichteten Erzählton, der sich nie aufdringlich „kindgerecht“ entfaltet.

(aus der Jurybegründung Retzhofer Dramapreis 2023)

©Nadezhda1906 / Getty Images
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