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Antigone


Sophokles

Aus dem Alt-Griechischen

Übersetzung durch Dietrich Ebener

Schauspiel


3 D | 5 H
Chor

"In der „Antigone“ haben sich die feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes im Kampf um die Macht gegenseitig erschlagen. Der neue Herrscher von Theben, Kreon, befiehlt, Eteokles, der als Verteidiger der Stadt gefallen ist, ehrenvoll zu bestatten, den Leichnam des Polyneikes dagegen, der an der Spitze eines Heeres seinen Machtanspruch durchsetzen wollte, unbestattet, Vögeln und Raubtieren zum Fraß, liegen zu lassen. Die Schwester des Bruderpaares, Antigone, widersetzt sich dem Verbot und bestattet auch Polyneikes, allerdings nur symbolisch durch Bestreuen mit Sand, da Kreon den Leichnam bewachen lässt. Sie wird bei der Tat ertappt, von Kreon zu Tode verurteilt und lebend in einer Felsengruft eingemauert; selbst der Einspruch ihres Verlobten, eines Sohnes Kreons, vermag sie nicht zu retten. Zu spät folgt Kreon den Warnungen des Sehers Teiresias und will das Mädchen vor dem Tode bewahren; Antigone hat sich in der Gruft erhängt, ihr Verlobter sich neben ihr mit dem Schwert entleibt. Kreons Gattin gibt sich angesichts der Katastrophe selbst den Tod Kreon ist ein gebrochener Mann.

Bei der Beurteilung des Geschehens ist eines zu bedenken: Einem Vaterlandsverräter die Bestattung in der Heimaterde zu verweigern war in der Antike allgemein anerkannter Brauch. Er war kultisch auch plausibel begründet: Die heilige Heimaterde sollte durch den Leichnam dessen, der sie verriet, das heißt den Feinden auslieferte, nicht verunreinigt werden. Den Leichnam eines Verräters unbestattet liegen und verwesen bzw. von Tieren zerfleischen zu lassen war als Verschärfung der Strafe möglich. Kurz: Kreons Gebot, Polyneikes unbestattet liegen zu lassen, ist für die Zeit des Sophokles als eine offiziell außergewöhnliche und verwerfliche, aber in der Praxis nicht völlig ausgeschlossene Behandlung toter Vaterlandsverräter anzusehen.

Sophokles kommt es darauf an, die Pflicht des Individuums zum Widerstand gegen eine missbrauchte Staatsgewalt mit aller Klarheit zu unterstreichen. Was diese Klarheit trüben könnte, wird zwar nicht geleugnet, auch in keiner Weise verschwiegen, gilt aber als Erscheinung des weiteren Umfelds, die zum Verständnis des Wesentlichen nicht ins Gewicht fällt.

Der deutsche Philosoph Hegel hat, nicht zufällig in preußischen Landen, von der sophokleischen „Antigone“ als „einem der allererhabensten, in jeder Rücksicht vortrefflichen Kunstwerke aller Zeiten“ gesprochen. Zur Begründung seines Urteils sagte er im dritten Band seiner „Vorlesungen über die Ästhetik“, die Tragik des Stückes beruhe auf dem Konflikt des Staates gegenüber der Familie, zweier Gegner, von deren Standpunkten jeder berechtigt sei. Dabei verkennt er nicht, dass Sophokles in seiner Gestaltung der Antigone wie des Kreon Gradunterschiede zwischen den vertretenen Rechtsstandpunkten deutlich werden ließ. Aber das eigentliche Problem sah er dennoch in dem Aufeinanderprall zweier theoretisch konstruierter gesellschaftlicher Prinzipien, deren jedes sein unbestreitbares Recht behaupte.

Die sophokleische Antigone hatte mit der symbolischen Bestattung die kultische Pflicht erfüllt, sie hätte als unbekannte Täterin untertauchen, die Tat, sofern ein Verdacht auf sie fiel, auch leugnen können. Doch sie denkt nicht daran. Sie ersetzt die von den Wächtern herunter gefegte Sandschicht durch eine zweite. Mit anderen Worten: Sie sucht den Konflikt."

(Dietrich Ebener)

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Relation zum Titel Antigone
URL part antigone
Subtitel
Originaltitel
Coautoren
Uebersetzung Aus dem Alt-Griechischen
Bearbeiter
Komponist
Genre Schauspiel
Subverlaginfo
Damen 3
Herren 5
Ergaenzung Chor
Anmerkungen
Einleitung <p>"In der „Antigone“ haben sich die feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes im Kampf um die Macht gegenseitig erschlagen. Der neue Herrscher von Theben, Kreon, befiehlt, Eteokles, der als Verteidiger der Stadt gefallen ist, ehrenvoll zu bestatten, den Leichnam des Polyneikes dagegen, der an der Spitze eines Heeres seinen Machtanspruch durchsetzen wollte, unbestattet, Vögeln und Raubtieren zum Fraß, liegen zu lassen. Die Schwester des Bruderpaares, Antigone, widersetzt sich dem Verbot und bestattet auch Polyneikes, allerdings nur symbolisch durch Bestreuen mit Sand, da Kreon den Leichnam bewachen lässt. Sie wird bei der Tat ertappt, von Kreon zu Tode verurteilt und lebend in einer Felsengruft eingemauert; selbst der Einspruch ihres Verlobten, eines Sohnes Kreons, vermag sie nicht zu retten. Zu spät folgt Kreon den Warnungen des Sehers Teiresias und will das Mädchen vor dem Tode bewahren; Antigone hat sich in der Gruft erhängt, ihr Verlobter sich neben ihr mit dem Schwert entleibt. Kreons Gattin gibt sich angesichts der Katastrophe selbst den Tod Kreon ist ein gebrochener Mann.</p>
Haupttext <p>Bei der Beurteilung des Geschehens ist eines zu bedenken: Einem Vaterlandsverräter die Bestattung in der Heimaterde zu verweigern war in der Antike allgemein anerkannter Brauch. Er war kultisch auch plausibel begründet: Die heilige Heimaterde sollte durch den Leichnam dessen, der sie verriet, das heißt den Feinden auslieferte, nicht verunreinigt werden. Den Leichnam eines Verräters unbestattet liegen und verwesen bzw. von Tieren zerfleischen zu lassen war als Verschärfung der Strafe möglich. Kurz: Kreons Gebot, Polyneikes unbestattet liegen zu lassen, ist für die Zeit des Sophokles als eine offiziell außergewöhnliche und verwerfliche, aber in der Praxis nicht völlig ausgeschlossene Behandlung toter Vaterlandsverräter anzusehen.</p> <p>Sophokles kommt es darauf an, die Pflicht des Individuums zum Widerstand gegen eine missbrauchte Staatsgewalt mit aller Klarheit zu unterstreichen. Was diese Klarheit trüben könnte, wird zwar nicht geleugnet, auch in keiner Weise verschwiegen, gilt aber als Erscheinung des weiteren Umfelds, die zum Verständnis des Wesentlichen nicht ins Gewicht fällt.</p> <p>Der deutsche Philosoph Hegel hat, nicht zufällig in preußischen Landen, von der sophokleischen „Antigone“ als „einem der allererhabensten, in jeder Rücksicht vortrefflichen Kunstwerke aller Zeiten“ gesprochen. Zur Begründung seines Urteils sagte er im dritten Band seiner „Vorlesungen über die Ästhetik“, die Tragik des Stückes beruhe auf dem Konflikt des Staates gegenüber der Familie, zweier Gegner, von deren Standpunkten jeder berechtigt sei. Dabei verkennt er nicht, dass Sophokles in seiner Gestaltung der Antigone wie des Kreon Gradunterschiede zwischen den vertretenen Rechtsstandpunkten deutlich werden ließ. Aber das eigentliche Problem sah er dennoch in dem Aufeinanderprall zweier theoretisch konstruierter gesellschaftlicher Prinzipien, deren jedes sein unbestreitbares Recht behaupte.</p> <p>Die sophokleische Antigone hatte mit der symbolischen Bestattung die kultische Pflicht erfüllt, sie hätte als unbekannte Täterin untertauchen, die Tat, sofern ein Verdacht auf sie fiel, auch leugnen können. Doch sie denkt nicht daran. Sie ersetzt die von den Wächtern herunter gefegte Sandschicht durch eine zweite. Mit anderen Worten: Sie sucht den Konflikt."</p> <p>(Dietrich Ebener)</p>
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